08.07.2020

Erste Leh­ren aus dem Ein­satz von Vi­deo­kon­fe­renz-Sys­te­men im Jus­ti­zum­feld

Jens-Piesbergen_HIJP_04_2025_0103-Format-Webseite-3-4

Jens Piesbergen

HIS Schweiz Direktor

E-Mail senden

4 Minuten Lesezeit


Im vergangenen FLASH #6 vom 6.4.20 haben wir über den breiteren Einsatz von Videokonferenzsystemen bei den Justizbehörden anhand des Beispiels im Kanton Thurgau berichtet. Dannzumal und zu Beginn der Coronazeit sind genau diese Videokonferenzsysteme in unser aller Bewusstsein getreten. Wir mussten aus dem Homeoffice heraus nicht nur die Kernaufgaben unseres Jobs erfüllen, sondern wollten uns auch zu Entscheidungs- oder Arbeitssitzungen treffen und diese nicht nur als Telefonkonferenzen ohne Bild oder Präsentationsunterlagen abhalten. Zusätzlich gibt es noch andere Bedürfnisse, welche Videosysteme ebenfalls abdecken können (bspw. Teilnahme an Gerichtsverhandlungen, Einvernahmen und Besuche in Justizvollzugsanstalten).

Sie alle haben sicherlich Ihre eigenen Erfahrungen gemacht und eine persönliche Lernkurve durchlebt. Wahrscheinlich haben Sie unbewusst sogar eine eigene «kleine Marktstudie» durchgeführt, weil Sie mit unterschiedlichen Systemen konfrontiert waren (bspw. Zoom, Teams, Skype for Business, WebEx, Jitsi, myJustice). Alle diese Systeme sind unterschiedlich hinsichtlich Funktionalität, Ausrichtung und Betriebsmodelle sowie ihren Datenschutz- und Sicherheitsaspekten. Vielleicht konnten Sie auch das Zusammenspiel von Kopfhörer/Mikrofon mit dem Browser oder Ihrem Laptop-Betriebssystem (Windows, iOS) erleben und selbst herausfinden, was, wie und wo einstellbar ist (um es positiv auszudrücken …). Zudem wurde Ihnen wahrscheinlich auch bewusst(er) wie abhängig Sie von den Netzwerk- und Sicherheitseinstellungen Ihrer eigenen Informatikabteilung sind. Teilweise konnten Sie nur an Video-Calls teilnehmen, wenn Sie nicht über das Netzwerk Ihres Arbeitgebers mit dem Internet verbunden waren. Aber sobald dies der Fall war, ging nichts mehr, obwohl die entsprechenden Einstellungen durch die IT vorgenommen wurden. Vielfach ist dieses Phänomen auf die Remote-Access- oder VPN-Einwählsysteme zurückzuführen und nicht auf die Firewalls, welche die Behörden vom Internet schützen. In diesen Bereichen werden in jeder Behörde noch Nachjustierungen notwendig sein.

Zusätzlich haben Sie sicherlich auch «versteinerte» oder «gefreezte» Videobilder und akustische Verzerrungen in der Tonübertragung erlebt. Auch hier sind die Gründe vielfältig, aber der Hauptgrund liegt im hohen Bedarf an zu übermittelnden Daten über eine limitierte Kapazität der zur Verfügung stehenden Verbindung (Bandbreite). Und das menschliche Ohr nimmt schon geringste Veränderungen in der Akustik sensibel wahr, sodass Einschränkungen als Qualitätseinbusse wahrgenommen werden. Insbesondere zu Beginn der Coronazeit wurden seitens der IT-Verantwortlichen grosse Anstrengungen unternommen sowohl «dickere» Leitungen wie auch höhere Server-Kapazitäten zur Verfügung zu stellen. Oftmals lohnt es sich auch schon, die eigene Videokamera auszuschalten, um die Hörqualität zu verbessern und die benötigte Bandbreite zu reduzieren.

Was lernen wir nun für uns als Individuum und als Organisation? Und was bringt die Zukunft?

Nun, jede und jeder Einzelne von Ihnen muss minimale Fähigkeiten entwickeln, sich mit den Tools und den Zusatzgeräten wie Kopfhörer/Mikrofone und seinem Arbeitsgerät zurecht zu finden und Einstellungen vorzunehmen. Die Behörden stellen als Gesamtorganisation nebst einer angepassten IT-Infrastruktur mit den sicherheitsrelevanten Aspekten entsprechende Videokonferenzsysteme zur Verfügung oder lassen zumindest deren Nutzung über die gängigen Internet-Browser zu (Firefox, Chrome, Safari, Edge/IE). Und die verfahrensrechtlichen Grundlagen werden/sind so angepasst, dass die Durchführung von Verfahrensschritten und deren Dokumentation in den Akten zulässig sind (Integration von Audio/Video-Aufnahmen als Aktenstücke).

Im Weiteren ist anzustreben, dass die Strafbehörden möglichst dieselben Tools verwenden, solange keine anderslautenden Vorgaben der eigenen Stammorganisation dies verunmöglichen. Konkret heisst dies, dass HIS weiterhin daran arbeitet, myJustice funktional zu erweitern und die Verbreitung der Nutzung in den Kantonen zu erhöhen. Die meisten Videokonferenzsysteme sind auch untereinander kompatibel, mittels der sogenannten Föderierung. Damit kann sich jemand mit Skype for Business  auch in einen myJustice-basierten Videocall einwählen. Prinzipiell soll gelten: Wir benutzen primär das eigene Video-Tool der Stammorganisation und sonst den Browser, um sich in myJustice einzuwählen.

Im Rahmen des anderen Orts für den kommenden Herbst angekündigten Vernehmlassung zum neuen eJustice-Gesetz (BEK) wird man sich auch zur Nutzung von vollständig end-to-end-verschlüsselten Videokonferenzsystemen äussern können. Das HIS-Programm wird sich im Anschluss auch darum kümmern müssen wie, oder basierend auf welchen Produkten, solche gesetzlichen Anforderungen realisiert, allenfalls angeboten, oder genutzt werden können.

Jens Piesbergen, [email protected]

Nicolai Ehrenreich, [email protected]

Weitere News

Alle News
20260820_091435304_iOS

HIS1 Min. Lesezeit

Neue Ge­sich­ter in der Kom­mu­ni­ka­ti­on von HIS Schweiz

Mit Isabelle Michaud und Siri Luyten stellt sich die Kommunikation von HIS Schweiz neu auf.

Mariana Vilpoux

HIS3 Min. Lesezeit

Eine neue stell­ver­tre­ten­de Di­rek­to­rin ver­stärkt das HIS-Füh­rungs­team

Mit ihrer umfassenden Erfahrung in der Digitalisierung und im öffentlichen Dienst übernimmt Mariana Vilpoux seit dem 1. März 2026 die Funktion der stellvertretenden Direktorin.

HIS2 Min. Lesezeit

HIS-Com­mu­­ni­­ty-Event 2026

Die Anmeldungen zum HIS-Community-Event am 18. Juni 2026 sind offen.

SASP-Installation-Kantonen_Beitragsbild-ohne-Legende_v0.1-20250831-de

Standards2 Min. Lesezeit

22 Kan­to­ne nut­zen die Leis­tung Sam­mel­ab­fra­ge-Ser­vice Per­so­nen (SASP)

Die Leistung Sammelabfrage-Service Personen (SASP) wurde den Kantonen 2024 kostenlos zur Verfügung gestellt und wird heute von 22 Kantonen genutzt.

Two,Hands,Trying,To,Connect,Couple,Puzzle,Piece,With,Sunset

HIS1 Min. Lesezeit

HIS Schweiz sucht Kom­mu­ni­ka­ti­ons­pro­fis
Am 1. Juli 2025 ist aus dem Programm der KKJPD eine eigenständige öffentlich-rechtliche Körperschaft entstanden: HIS Schweiz. Als Kompetenzzentrum für die digitale Transformation in der Strafjustiz begleiten wir Bund, Kantone…
Speed limit on German Autobahn

Standards2 Min. Lesezeit

Er­folg­rei­che grenz­über­schrei­ten­de Zu­sam­me­n­a­r­beit

Der deutsch-schweizerische Polizeivertrag vom 1. Mai 2024 erleichtert die Vollstreckungshilfe erheblich. Ein aktueller «eucrim»-Artikelhebt die erfolgreiche Zusammenarbeit zwischen Deutschland und der Schweiz in diesem Bereich hervor.

Meeting de la Community HIJP

Standards5 Min. Lesezeit

HIS-Com­mu­ni­ty-Mee­ting: Drei gros­se Fo­kusthe­men

Das vergangene HIS-Community-Meeting fokussierte auf drei Hauptthemen: das Geschäftsprozessmodell für eine digitale Staatsanwaltschaft, die Konzeptstudie für moderne Fachanwendungen sowie die KI-Initiative.

iStock-1360372523-zugeschnitten

Justizvollzug3 Min. Lesezeit

ISJV: Recht­li­che Grund­la­ge zur Per­so­nen­su­che in Ver­nehm­las­sung

Die Vernehmlassung zur «Interkantonalen Vereinbarung über den Informationsaustausch im Freiheitsentzug» ist angelaufen. Diese legt die rechtlichen Grundlagen zur personenbezogenen Abfrage über das Informationssystem Justizvollzug (ISJV) fest.

Protection,Data,Access.protecting,Personal,Data,Information.cyber,Security,Protection,Concept.protecting,Herself

Justizvollzug2 Min. Lesezeit

In­for­ma­ti­ons­sys­tem im Jus­tiz­voll­zug: vom Pro­jekt zum Be­trieb
Die technische Umsetzung des Informationssystems im Justizvollzug (ISJV) ist so weit fortgeschritten, dass der Übergang von der Projekt- in eine Betriebsorganisation geplant werden kann. Damit wird HIS einen permanenten Service…
IM-Umfrage-Digitalisierungsvorhaben-2025_Digi-Aktivitäten-Staatsanwaltschaft-Jugendstaatsanwaltschaft_v0.1-20250731-de-ohne-Legende

Allgemein3 Min. Lesezeit

Mo­ni­to­ring der Di­gi­ta­li­sie­rung in der Straf­jus­tiz
Im Frühling 2025 hat HIS zum ersten Mal eine schweizweite Umfrage zum Fortschritt der Digitalisierung in der Strafjustiz durchgeführt. Sie bildet den Auftakt zu jährlich wiederkehrenden Umfragen. Damit will HIS…
iStock-1278727051-zugeschnitten

Standards4 Min. Lesezeit

Sicap: Das sind die Neu­e­run­gen

Standardisierung ist der Schlüssel zur erfolgreichen Digitalisierung. Sie gewährleistet das Funktionieren der Schnittstellen verschiedener Fachanwendungen für einen sicheren Datenaustausch.

HIS-Event / Evénement HIJP

HIS1 Min. Lesezeit

Die An­mel­dung ist ge­öff­net: HIS-Com­mu­ni­ty-Mee­ting
Treffen Sie sich am 13. November 2025 mit der HIS-Community und ihren Mitgliedern aus der gesamten Schweizer Strafjustizkette im Wankdorf Stadion in Bern. Das Meeting findet von 9:30 bis 12:00…